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JETZT! (Michael Girke)

Nach der erfolgreichen Compilation „JETZT! – Liebe in GROSSEN Städten (1984-1988)“ von 2017 erscheint mit „Wie Es War“ nun erstmalig ein reguläres Album von Michael Girke.

Ein Kleinstadtgespräch – Wie Es War

Am Telefon begrüße ich einen Mann, der sich als Michael Girke vorstellt. Ich kenne ihn nicht. Girke beschreibt ausnehmend klar, präzise und in freundlich zurückgenommenem Tonfall sein Anliegen. Er lebt in Herford und wird beim Hamburger Label Tapete ein Album herausbringen, von dem er sagt, es ignoriere übliche Standards und kreise wesentlich um seine ostwestfälische Heimatstadt. Er sucht jemanden, der überschaubare Orte dieser Art aus eigenem Erleben kennt und einige Zeilen zum Album schreibt. Daher dieser Anruf also aus Herford nach Solingen.

Girke erwähnt einige Namen, die nicht jeder auf Anhieb mit der Gegend rund um Herford in Verbindung bringen wird – Frank Spilker, Jochen Distelmeyer. Die leben längst anderswo, Girke ist, abgesehen von wenigen Jahren Berlin, in Herford geblieben. Schatz, wie hieß eigentlich dieser Kerl mit dem bunt bemalten Bulli, bei dem wir mal in Herford genächtigt haben? Die Frage gilt meiner Frau. Moritz, antwortet sie aus dem Hintergrund. Girke ist einen Moment lang irritiert. Der Schatz-Ausruf gerade habe nicht ihm gegolten, erkläre ich ihm. Er kennt diesen Moritz nicht, auch das erstaunt ihn. Der Bulli gehörte der Herforder Rock-Initiative, versuche ich zu helfen. Moritz parkte ihn am seitlichen Gemäuer einer Kirche in der Innenstadt. Girke wirkt ein wenig ratlos. Er wird bald eine Lesung im Herforder Club Fla Fla halten und will sich bei der Gelegenheit erkundigen.

Erneut erwähnt er Menschen, deren künstlerische Anfänge im Herforder Raum spielen: Bernd Begemann und Bernadette La Hengst. Wir schweifen ab: Bad Salzuflen, Enger, die Zigarrenstadt Bünde, schließlich Brake. Von dort kommen die Wollitz-Brüder, werfe ich ein. Girke wirkt beeindruckt, korrigiert aber: Die Wollitz-Brüder kommen aus Brakel, nicht Brake. Er skizziert seine eigenen Anfänge: In den frühen 80er Jahren habe er Punkrock gespielt, sagt er, für einen Musiker im eigentlichen Sinne habe er sich nie gehalten. Als er weitere Namen aus seinem damaligen Umfeld nennt, bitte ich ihn, mir die kurz schriftlich aufzulisten. Ein Anliegen, das Girke von sich weist, weil dies seiner Ansicht nach keinen Sinn macht. Ich reagiere leicht verärgert: „Du wirst doch wohl...“, hebe ich an. Dabei beschleicht mich angesichts dieser leichten Aufwallung kurzzeitig das eigentümliche Gefühl, ich würde Girke bereits seit geschätzt 30 Jahren kennen. Tatsächlich sind es inzwischen rund 10 Minuten.

Da seien doch auch im letzten Jahr frühe Kassettenaufnahmen der ostwestfälischen Band JETZT! erstmals im Vinyl- und CD-Format wiederveröffentlicht worden, fällt mir plötzlich ein; mit ungemein positiver Resonanz bedacht.

Das bin ich, sagt Girke. Ach, sage ich. Warum sagst du das nicht gleich? Girke hat keine genaue Erklärung. Wir verabschieden uns. Auf Wiederhören!

Lieben! Lieben wollen! Geliebt haben! Nichts und niemand dekliniert die Liebe vollends durch. Das JETZT!-Album „Wie Es War“ immerhin taucht einige ihrer Facetten in ein verblüffendes und wahrhaftig berührendes Licht. Es ist ein Spiel mit der Zeit, mit Nähe und Ferne – Girke verliert sich nie nur in der Vergangenheit. Er mischt das kleinstädtisch Arglose zwischen Westring, Werre, Kreishausstraße und örtlichem Kino mit der zutiefst anrührenden Botschaft aus dem ‚krummen, schiefen Herford‘ an die restliche Welt: Kein Baum, kein Feld ist provinziell, die Dummheit ist‘s, überall auf der Welt.

Die Songs laufen überwiegend in Dur, den hymnischen Gipfel erklimmt Girke paradoxerweise ausgerechnet dort, wo er eindringlich das Fehlen einer ehemaligen Liebe besingt: „Eins und eins ist unendlich viel“. Und zur Sicherheit zusätzlich auch noch eine Art lyrisches Hinweisschild anbringt: Denk nicht, das Leben sei sentimental. Sentimental-melancholische Verwässerungen schiebt Girke auch anderswo rigoros zur Seite. Er stellt sich vielmehr einer womöglich ein wenig aus dem Blickfeld geratenen Art von Ur-Empfindung – der Traurigkeit. In die man sich tatsächlich verlieben kann auf nächtlichen Wegen vom Elternhaus der Freundin durch schwach beleuchtete Kopfsteinpflastergassen hin zur eigenen Unterkunft. In der der eigene Vater gegebenenfalls die Hand hebt, bereit zum Schlag. Wenn er nicht gerade alte Platten von Glenn Miller hört. Eine sachte und höchst ungewöhnliche Annäherung an den eigenen Vater: „Der Mann, den ich nicht fassen kann“. Girke ist übrigens ein glänzender Sänger, und glänzend meint hier nicht wohlfeil. Er verschluckt Wortendungen, dehnt Silben bis hin zu echter Auffälligkeit, kein Hall, kein Echo auf dem Mic, und hier und da – leise Heiserkeit. Die Songs sind folky – im besten Sinne. Akustische Gitarre, sporadisch begleitende Orgel, ein Klavier, das klingt, als habe man es im Hinterzimmer einer Herforder Szenekneipe hinter einem roten Vorhang entdeckt. Dazu die Drums im zuverlässig unspektakulären Groove, der in Westfalen gelegentlich auch der sogenannte westfälische Schinkengroove genannt wird. Die zischenden Beckenschläge in einem der Schlussakkorde sind klar zu laut – eine Wohltat. Und wohl auch ein Beleg dafür, dass die Songs mehrheitlich One-Take-Aufnahmen sind. Hats Off in Richtung des Sterne- und Die-Goldenen-Zitronen-Bassisten Thomas Wenzel, der als Produzent, Musiker und auch Arrangeur am unbedingten Charme dieses Albums seinen gehörigen Anteil hat. Gebürtiger Elmshorner, ehemaliger Bienenjäger an der Seite von Distelmeyer, später Sänger auch der Hamburg-Band Cow.

So ist es gewesen. Wie Es War – wunderbar! Kleinstadt, Roggen und Hafer, Dylan und Wader, Wiese, Hecke, Bach und Wald zwischen Herford und Enger. Zu Zeiten, als es noch Niederschläge gab, auch schon mal länger…..

Klaus Fiehe
Sa 24.08.2019   Hamburg
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Einlass: 21:00 –  Beginn: 21:00 –  Anfahrt
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